Die geplanten Änderungen bei der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen geben Anlass zu großer Sorge. Die SPDqueer warnt eindringlich davor, dass Einsparungen im Bereich der ambulanten Psychotherapie ausgerechnet diejenigen besonders treffen würden, die bereits heute einem deutlich erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen ausgesetzt sind. Darunter insbesondere lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen.
Nach Erkenntnissen des Robert Koch-Instituts beeinflussen Diskriminierung, Ausgrenzung und sogenannter Minderheitenstress die psychische Gesundheit von LSBTIQ*-Menschen erheblich. Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen, dass Depressionen, Angststörungen und Suizidalität in dieser Bevölkerungsgruppe deutlich häufiger auftreten als in der Gesamtbevölkerung. Je nach Erkrankung liegt das Risiko zwei- bis dreimal höher. Ursache hierfür ist nicht die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität selbst, sondern gesellschaftliche Benachteiligung, Ablehnung und fehlende Akzeptanz.
Besonders alarmierend ist die Situation queerer Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener. Gerade in dieser Lebensphase werden wichtige Weichen für die weitere psychische Gesundheit gestellt. Gleichzeitig erleben viele junge queere Menschen Mobbing, familiäre Konflikte, Ausgrenzung oder Gewalt. Für sie ist ein schneller Zugang zu psychotherapeutischer Unterstützung oftmals entscheidend. Wer hier Wartezeiten verlängert oder Versorgungsangebote schwächt, riskiert langfristige gesundheitliche Folgen und verschärft bestehende Ungleichheiten.
„Wer in einer solidarischen Gesellschaft lebt, muss sich darauf verlassen können, im Krankheitsfall die notwendige Hilfe zu erhalten, unabhängig davon, wen man liebt oder wie man lebt. Gerade jetzt an der psychotherapeutischen Versorgung zu sparen, wäre gesundheitspolitisch kurzsichtig und sozialpolitisch das völlig falsche Signal“, erklärt Oliver Strotzer, Bundesvorsitzender der SPDqueer.
Schon heute erleben queere Menschen erhebliche Hürden beim Zugang zu psychotherapeutischer Hilfe. Lange Wartezeiten, regionale Versorgungsengpässe und die Schwierigkeit, Therapeut*innen mit ausreichender Kompetenz für queere Lebensrealitäten zu finden, führen häufig dazu, dass notwendige Behandlungen erst verspätet beginnen oder Betroffene ganz auf eine Therapie verzichten müssen.
Die nun geplanten Einschränkungen bei der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen drohen diese ohnehin angespannte Versorgungslage weiter zu verschärfen. Wenn wirtschaftliche Anreize sinken, gesetzlich versicherte Patient*innen zu behandeln oder neue Praxiskapazitäten aufzubauen, verlängern sich Wartezeiten mit gravierenden Folgen insbesondere für Menschen, die ohnehin einem erhöhten psychischen Belastungsrisiko ausgesetzt sind.
„Queere Menschen tragen aufgrund von Diskriminierung und Ausgrenzung ein nachweislich höheres Risiko für psychische Erkrankungen. Wer nun die ambulante Psychotherapie schwächt, verschärft bestehende Ungleichheiten. Das können und dürfen wir nicht hinnehmen. Psychische Gesundheit ist kein Sparposten, sondern eine grundlegende Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben“, betont Carola Ebhardt, Bundesvorsitzende der SPDqueer.
Der SPDqueer Bundesvorstand appelliert an die Verantwortlichen in der Bundesregierung, die geplanten Einschränkungen der ambulanten Psychotherapie zu überdenken. Statt bestehende Versorgungsprobleme weiter zu verschärfen, braucht es eine bedarfsgerechte Finanzierung psychotherapeutischer Leistungen, den konsequenten Abbau von Wartezeiten sowie eine Gesundheitsversorgung, die die besonderen Bedürfnisse queerer Menschen stärker berücksichtigt. Dazu gehört auch eine diskriminierungssensible psychotherapeutische Versorgung, in der die Lebensrealitäten queerer Menschen selbstverständlich mitgedacht werden.
Psychische Gesundheit ist eine grundlegende Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben. Eine solidarische Gesundheitspolitik muss deshalb gerade diejenigen besonders unterstützen, die aufgrund von Diskriminierung, Ausgrenzung und Minderheitenstress einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen ausgesetzt sind. Frühzeitige psychotherapeutische Hilfe verhindert individuelles Leid, stärkt die gesellschaftliche Teilhabe und reduziert langfristig zugleich die Folgekosten für das Gesundheitswesen.
Gerade queere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dürfen dabei nicht aus dem Blick geraten. Wer in einer Lebensphase, in der sich Identität entwickelt und Zukunftsperspektiven entstehen, keinen zeitnahen Zugang zu psychotherapeutischer Unterstützung erhält, riskiert langfristige gesundheitliche und soziale Folgen. Der Zugang zu Psychotherapie muss deshalb verbessert werden, nicht erschwert.
Psychische Gesundheit ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Wer hier spart, spart an den Menschen. Eine solidarische Gesundheitspolitik muss den Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung stärken – nicht schwächen.